Hosts & Hostessen: In den Fußstapfen der Geisha
Japan hat nach dem 2.Weltkrieg einen Turbosprung in die Modernisierung hingelegt. Davon ist kein noch so traditioneller Bereich verschont geblieben: Neben Sumo-Kämpfen füllen heute auch Baseball-Spiele die Sportarenen, in Tokio gibt es mehr McDonalds-Fillialen als Sushi-Restaurants und auch die Begleitdamen der schönen Künste – die Geisha – haben mit neuer Konkurrenz zu kämpfen.“Scharf wie eine Rasierklinge ist der blutrote Mund in das weiße Porzellangesicht geschnitten, nachtschwarz glänzt das kunstvoll geschlungene Haar, das makelose Gesicht zeigt ein rituelles Lächeln.” Passender als Reisejournalistin Hannah Glaser kann man eine Geisha wohl kaum beschreiben.” Seit über 300 Jahren versüßen diese anmutigen Schönheiten durch ihre Anwesenheit die Abende von Edelleuten und reichen Kaufmännern in den Teehäusern.
Kein Call-Girl im Kimono
Eine Geisha ist eine Begleitungsdame, deren künstlerische Fähigkeiten – Musik, Tanz und Teezeremonie - im Mittelpunkt des Abendprogramms stehen. Für Ausländer bleiben solche Treffen normalerweise ein Wunschtraum – auch, weil Männer aus dem Westen sich nur selten die Mühe machen, zu verstehen, was eine Geisha wirklich ist: Nämlich ein lebendes Kunstwerk und kein Call-Girl im Kimono.
“Brautschau im Holzkäfig: Prostituierte im Geisha-Look zur Edo-Zeit (1603 bis 1867)”
Dieses Vorurteil hält sich hartnäckig, da die Oiran, Prostituierte der Edo-Zeit, ebenso wie die Geisha-Girls, Freuden-mädchen der US-Besatzungs-truppen, den Kleidungs- und Schminkstil jener japanischen Idealfrauen nachahmten, um ihren Kunden etwas besonderes zu bieten. Sex gehörte aber nie zum Service der Geisha.
Heute ein König: Ein Abend im Host-Club
Inzwischen ist Prostitution in Japan verboten – ein Moralimport der Besatzer aus den USA. Das Vergnügungsgewerbe hat allerdings unendlich viele – teils recht kuriose – Umwege gefunden, damit jeder Nachtschwärmer auf seine Kosten kommt.
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| “Source: kotaku.com” |
Hosts und Hostessen werden zum Mizushobai, also zum japanischen Rotlichtmillieu, gezählt. Ebenso wie ihre klassischen Vorläufer – die Geisha – werden sie aber ausschließlich zur Unterhaltung gebucht.
Das Image einer Hostessen-Karriere ist erstaunlich gut. 22 Prozent der japanischen Oberschülerinnen können sich vorstellen, später einmal in dem Bereich Karriere zu machen. Für sie sind die Begleitdamen so etwas wie Pop-Idole oder Prinzessinnen, die in einer glamourösen Luxuswelt bewegen, sehr schnell sehr viel Geld verdienen und interessante, einflußreiche Menschen treffen, von denen sie bewundert werden.
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| “Source: kotaku.com” |
Frustsaufen mit Mama-san
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| “Kann ein Geheimnis für sich bewahren: Mama-san” |
Wer sich lieber den Frust von der Seele reden möchte, geht im Hostclub an die Theke zu Mama-san, der Bardame und Seelen-klempnerin für japanische Geschäftsmänner. Die Hocker sind ihre Couch und personalosierte Wisky-Flaschen ihre Psychopharmaka. Eine Mama-san hat immer ein offenes Ohr für den Ärger mit dem Chef oder die schlechten Noten der Kindern. Die eigene Frau bei Problemen mit einzubeziehen fällt vielen japanischen Männern schwer – lieber holt man sich Rat von Dritten.
Einmal Instantpartner Musashi, bitte!
Die männliche Variante der Begleitdamen, die Hosts, vereinen Seelsorger und Spasskanone in ihrer Person. Die meist androgynen Jünglinge mit poppigen Frisuren und guter, eng ansitzender Kleidung sehen aus, als wären sie den Seiten eines Mädchen-Manga entssprungen.
“Manabu Numata hat fünf Jahre lang Hosts und Hostclubs portraitiert. Mehr über seine Arbeit: Gibt’s hier!”
Sie mimen den perfekten Flirt, Partner oder Partykumpel: Immer charmant,
immer ein offenes Ohr für Probleme und immer gut drauf. Vor dem
Betreten des Host-Clubs wählt man einen der Jungs aus dem hausseigenen Katalog aus.
Ihre Namen sind Geschichts-Helden oder Pop-Stars entlehnt und geben den Kundinnen Aufschluss über den verkörperten Charakter. Zum Beispiel ist Musashi ein aufbrausendes Temperamentbündel, während Hattori geheimnisvoll und Basho eher schöngeistig ist. Verstehen sich Kundin und Host miteinander, werden Nummern ausgetauscht, SMS geschrieben und kleine Geschenke verschickt – wie bei einen Flirt halt. Viele Ehefrauen holen sich bei einem Host all das, was ihr Partner ihnen nicht geben kann oder will - meistens einfach nur einen Menschen, der ihnen zuhören kann. Auch junge Karrierefrauen, die keine Zeit in eine ernsthafte Partnerschaft oder Freundschaftspflege stecken wollen, greifen auf diese unkomplizierten, aber kostspieligen, Instant-Beziehungen zurück.
Heiratsschwindel auf Bestellung
Ihr Geld verdienen Hosts und Hostessen über die Bestellungen der Kunden im Club. Snacks, Alkohol und kleine Entertainment-Einlagen kosten dort Unsummen. Je höher die Rechnung für den Kunden, desto höher die Prämien. Herr Keiichi, der heute mehrere Host-Clubs in Osaka leitet, verdiente in seinen besten Zeiten etwa 160.000 US Dollar monatlich. Dazu kommen häufig noch private Extrazuwendungen: Teure Armbanduhren, Anzüge, gemietete Apartments oder gleich ein Auto.
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| “Nebenverdienst: Im PS2-Spiel Yakuza als Host flirten “ |
Das Gefühl zu vermitteln, kurz vor dem Durchbruch zu stehen – kurz davor zu sein, dass der tolle Mietpartner sich auch verliebt - ist die hohe Kunst des Gigolo-Daseins. Schon alleine deshalb sollte ein Host davon absehen, Sex mit den Kunden zu haben. “Die meisten kommen danach nicht mehr wieder, geben keine Drinks mehr aus – die goldene Gans ist dann geschlachtet“, bringt Gert Anhalt es in seiner Doku-Reihe “Es muss nicht immer Sushi sein” auf den Punkt.
Der erste Host-Club eröffnete 1966 in Tokio. Heute schießen sie wie Pilze aus dem Boden, während die Geisha kaum noch Auszubildende finden.
“Hosts als Date-Lehrmeister: Im Magazin “Host Knuckle” gibt der schöne Midas Tipps zu feiner Garderobe und gutem Vorspiel”
Das liegt wohl auch daran, dass eine Geisha den Weg ins Vergnügungsgewerbe bewusst einschlagen muss, ihre Familie in jungen Jahren (traditionell mit sechs Jahren, sechs Monaten und secht Tagen) verläßt, um eine knallharte Ausbildung zu beginnen. Hosts dagegen sind fast immer gescheiterte Glücksjäger, die über den
Quereinstieg an das große Geld kommen wollen. Der Konsumanspruch der Japaner ist seit dem Wirtschaftsboom in den 60 ern immer weiter gestiegen, obwohl
der japanische Finanzmarkt in den vergangenen 20 Jahren gleich zweimal
in sich zusammengebrochen ist. Arbeitsmarktsitiuation und Karrierechancen für junge Leute sind katastrophal – ein Uni-Abschluss schon längst kein
sicheres Ticket mehr zu Glück und Wohlstand. Schulden, mangelnde berufliche Perspektiven oder die Suche nach einem
sozialen Umfeld sind daher auch die Hauptgründe, für den Eintritt ins Host-Club-Geschäft.
“Zwei bis drei Tage hat eine Maiko (Tanzmädchen/ Geisha-Azubine) im Monat frei. Ansonsten heisst es 16 Stunden täglich traditionelle Tänze und Gesänge üben, Choreographien mit dem Fächer oder das traditionelle Teezeremonie immer wieder zu wiederholen und das Spiel auf der dreiseitigen Zupfinstrument (Shamisen) einstudieren.”
Reich wird dort allerdings kaum einer. Das Grundgehalt ist mehr als bescheiden – zu Geld kommt nur, wer die Spendierfreude seiner Kunden bis zum Exzess antreibt. Wer ein paar schlechte Abende hat, kann dann auch mal mit einen Mini-Jobber Gehalt am Monatsende dastehen. In einigen Host-Clubs zahlen die jungen Männer sogar Strafe, wenn sie keine Buchungen vorweisen können. Viele Hosts wie Hostessen leiden zudem unter Depressionen, Schlafmangel und den täglichen Alkohol-Exzessen. Wer nicht in ein paar guten Jahren viel Geld macht, hat die Chance vertan. Die Arbeitszeiten von Sonneruntergang bis Sonnenaufgang machen es außerdem unmöglich, sich einen Freundeskreis jenseits des Mizushobai aufzubauen. Es klingt geradezu paradox, dass aus diesem Grund viele junge Frauen und Männer der Branche ihr Gehalt ebenfalls in Host-Clubs auf den Kopf hauen – bei ihren Scheinfreunden und Wunschpartnern.
Sind Geisha nicht mehr zeitgemäß?
Wie alles traditionelle in Japan bangen auch die Geisha um ihre Existenz. Die Ausgehgewohnheiten der modernen Japaner haben sich geändert, die Vergnügungsindustrie hat Japans lebenen Nationalsymbolen eine zeitgemäße Konkurrenz an die Seite gestellt. Als Folge bleiben in den Geisha-Schulen die Anwärterinnen aus.
Natürlich wird es Japans Stilikonen immer geben, wie es auch immer noch traditionelle Ama-Perlentaucherinnen oder Samurai-Schwertschmiede gibt. Aber die große Zeit der Geisha ist vorbei und immer seltener werden diese grazilen Schönheiten abends durch die Straßen der Kyotoer Ginza huschten. Dort stehen nun fleischgewordene Manga-Schönheiten und verabreden sich über ihr Mobiltelefon mit Kunden. “Träume von Glück und Liebe, wie sie sie verkaufen, sind gefragter denn je.“, meint Gert Anhalt. Neue Trends verdrängen das Althergebrachte. Das ist der Preis der Modernisierung, den auch die Japaner zahlen müssen.
Weiterführende Links zum Thema:
- Lesetipp: “Die wahre Geschichte der Geisha” von Iwasaki Mineko
- Dokus und Reportagen: “Tokyo Hostesses” von nytimes.com; “Why I became a Gigolo” ; “Rent a Boyfriend in Japan” von Metropolis web-tv.
- Blog Artikel: Host-Dates in Video-Spielen. hier klicken
- Mini-Spiel beim Gangster-Epos Yakuza (Sony PS2): Triff dich in einer
Hostessen Bar mit einem Mädchen deiner Wahl und schau, wie schnell dein
hart Verdientes verschwindet. Bei Yakuza 2 kann man selbst als Host
Arbeiten und den Damen das Geld aus der Tasche ziehen. - Denki-Kawaraban-Artikel zu ähnlichen Themen: Wie die Yakuza ihr gutes Image verspielten, Sumo im Konflikt mit der Modernisierung, Obdachlose in Japans Metropolen, Androidinnen: Made in Japan







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