Angriff der Kaijū: Japan im Monsterfilmfieber
Erweckt durch Atomversuche tauchte er 1954 erstmals im Hafenbecken vor Tokio auf: Godzilla, König der Monster, die Urgewalt aus den Tiefen des Ozeans – eine unaufhaltsame Nemesis, die den Menschen die Folgen ihrer Eingriffe in die Natur mit zerstörerischer Gewalt vor Augen führte. Der Grundstein für das Genre der Kaijū-Monsterfilme war gelegt.
Alles begann in den 50er Jahren. Die Spezialeffekte des “King Kong”-Remakes mit ihrer Stop-Motion-Technik begeisterten Kinozuschauer auf der ganzen Welt. In den Tokioter Toho-Filmstudios planten Produzent Tanaka Tomoyuki, Regisseur Honda Ishiro und Special-Effects-Meister Tsuburaya Eiji eine japanische Adaption solch populärer Horror-Produktionen aus Hollywood. Als Hauptfigur schwebte ihnen eine 100 Meter große, feuerspeiende Riesenechse vor, ähnlich wie die aus dem Hollywood-Klassiker “The Beast from 20.000 Fathoms“. Eine Mischung aus einem Tyrannosaurus und einem Iquanodon, mit den Rückenplatten eines Stegosaurus und dem Schwanz eines Krokodils.
Entstanden durch Atomexplosionen, imun gegen sämtliche militärische Mittel: Einige Fans sehen in Godzilla eine filmische Metapher für den Vergeltungswunsch der seit 1945 besetzten Japaner.
Ob der Horrorfilm wirklich als Seitenhieb in Richtung der US-Besetzer geplant war, ist reine Spekulation.
Plausibler klingt die Herleitung von Jun Fukuda, der in vielen späteren Godzilla-Filmen die Regieassistenz übernahm: “Godzilla steht für die Rache der Natur am Menschen. In ihm manifestiert sich all der Hass und die Gewalt der Menschheit, da er aus Atomwaffen entstanden ist.”
Regisseur und Mitschöpfer Honda Ishiro kehrte nach dem Krieg durch die Trümmerfelder Hiroshima und Nagasakis nach Hause zurück – tief beeindruckt von der zerstörerischen Kraft der Atombomben. Außerdem geriet ein Jahr vor den Dreharbeiten der Tunfisch-Trawler “Lucky Dragon V” in der Nähe der Marshall Inseln in eine Atomversuchszone. Die Mannschaft kehrte schwer verstrahlt zurück, so dass der Kapitän einige Zeit später an den Folgen verstarb. Die Japaner fürchteten, von den Besatzern als Versuchskaninchen für neuartige Waffen missbraucht zu werden. Diese Angst ist der Ursprung der Godzilla-Idee. Die Angst davor, was wäre, wenn sich die Natur die Zerstörung irgendwann nicht mehr bieten ließe und zurückschlüge. Godzilla – ein Horrorfilm mit Öko-Botschaft.
Gojira: halb Wal, halb Gorilla
Aussehen und der Entstehungsgeschichte standen fest. Nun fehlte nur noch ein Name – einer, der die gewaltige Kraft der Kreatur und dessen Herkunft aus den Untiefen des Ozeans widerspiegelt. Honda, Tsubaraya und Tanaka entschieden sich für “Gojira“, zusammengesetzt aus den Worten “Gorilla” und “Kujira” – dem japanischen Wort für Wal. Nachträglich wurde die Geschichte in Umlauf gebracht, ein Bühnenbauer bei Toho sei wegen seiner bulligen Gestalt von den Kollegen Gojira getauft worden. Hondas Frau hat das aber immer wieder dementiert und als typische Toho-Mitarbeiter-Mär bezeichnet.
Gemessen an den Vorbildern in Hollywood war der erste Godzilla natürlich eine Low-Budget-Produktion. Aber gerade dadurch kamen die besten Ideen für die Umsetzung zustande.
Der Schauspieler zwängte sich in ein Gummikostüm und zertrümmerte Miniaturwelten. Die Szenen wurden dann etwas langsamer abgespielt. Dadurch wirkte die Bestie noch größer und schwerfälliger. Für den Godzilla-Schrei fanden die Sound-Designer im Zoo keine Vorbilder. Also malträtierten Ifukube und seine Assistenten eine Kontrabasssaite bis sie dem Instrumente das typische Godzilla-Gebrüll entlockten.
“Wegen der unerträglichen Hitze hielten es die Monsterfilm-Darsteller immer nur wenige Minuten in den Gummikostümen aus. Kein Wunder, das der beste Godzilla später von einem ehemaligen Stahlarbeiter, Kenpachiro Satsuma, gespielt wurde”
Am 03. November 1954 war es dann soweit. “Gojira” feierte in Tokio Premiere. Während die Presse den Film noch als schlechten US-Abklatsch verriss, bildete sich unter den Kinobesuchern bereits eine begeisterte Fangemeinde, die schnell bis über die Landesgrenzen hinaus wuchs. Produzenten aus Hollywood sicherten sich die Vertriebrechte für den westlichen Markt, drehten ein paar Szenen mit amerikanischen Schauspieler nach und änderten den Namen von “Gojira” zu “Godzilla-King of the Monsters”. Danach wurde das japanische King-Kong Plagiat zum Welterfolg.
Von der Nemesis zum Superhelden
An den Erfolg von Godzilla hofften auch andere Filmemacher anzuknüpfen. In den folgenden Jahren brachten sie so viele Filme in die japanischen Lichtspielhäuser, dass ein ganz neues Filmgenre entstand: Die Kaijū-Eiga 怪獣映画 (Riesenmonster-Filme).
Besonders populär waren der Flugsaurier Rodan, die bemannte Riesenmotte Mothra und Gamera, die kinderliebe Schildkröte mit dem Düsenantrieb. Gummianzüge und Miniaturstädte waren bei Godzilla noch Verlegenheitseffekte – nun wurden sie zu zentralen Genre-Elementen.
Die Fans strittendarum, welcher Kaijū (Japanisch für seltsames Monster) den anderen im Zweikampf besiegen könnte. Also ließen die Produzenten die Biester aufeinander los. Als das geklärt war, suchten neue Horror-Wesen aus dem Weltall oder den Laboren verrückter Wissenschaftler die Metropolen Japans heim. Godzilla, der einst die unerbittliche Rache der Natur am Menschen personifizierte, wandelte sich zum Beschützer selbiger – prügelte King Kong und Konsorten durch Wolkenkratzer und Industrieanlagen.
Zurück zu den Wurzeln
Godzillas neue Heldenrolle nahm den Filmen die endzeitliche Stimmung und ihren Horrorcharakter. Die Fangemeinde wurde immer jünger, Godzilla immer niedlicher. Runde Kulleraugen, Vater-Sohn-Comedy, ein Freudensprung und holzige Wrestlingmoves prägten die Filme der frühen 70er Jahre.
“Mit Hilfe der Beta-Kapsel kann sich Shin Hayata für fünf Minuten in den Titanen Ultraman verwandeln, um die Welt zu retten. Übrigens vom selben Special-Effects -eister wie Godzilla, Eiji Tsubaraya”
Die Macher orientierten sich zu sehr an erfolgreichen Fernsehserien, wie Ultraman, in denen ein heldenhafter Wissenschaftler wöchentlich welchsenden Kaiju-Bedrohungen mit Karate und Ringergriffen den Garaus machte.
Zwar hatten auch diese Produktionen ihren Reiz – nicht zuletzt wegen ihres innovativen Monsterdesigns. Für die Fans der ersten Stunde stand aber fest, dass die Studios wieder zu den Wurzeln der Monsterfilme zurückkehren müssten, um an die alten Erfolge anzuknüpfen. Das erkannte auch Produzent Tanaka und brachte 1984 “The Return of Godzilla” heraus.
“Die Kaijū-Filme unterteilt man in drei Filmepochen: Bis in die 80 er spricht man von der Showa- danach von der Heisei-Reihe (benannt nach den Regierungsdevisen der jeweiligen amtierender Kaiser). Ab dem Jahr 1998 begann die Millenium-Reihe.”
Der Film setzte in der Storyline genau da an, wo der erste Godzilla von 1954 geendet hatte. Damit waren die Heldentage der Monsterechse gezählt. Fortan wurde wieder zerstört und Panik verbreitet. Leider wirkten bei diesen und folgenden Filmen weder Effektmeister Tsubaraya noch Regisseur Honda mit. Ersterer war kurz vorher verstorben, weswegen Honda es ablehnte, die Reihe mit einem neuen Team fortzusetzen.
Die meisten Filme der Heisei- Serie floppten, so dass die Toho-Studios entschieden, Godzilla endgültig und mit einem Knall abtreten zu lassen. Im Kampf gegen Destoroyah opferte er sich – so tragisch, wie es nur die Japaner inszenieren können – indem er die eigene Kernschmelze auslöste. Bezeichnender Weise verstarb wenige Jahre darauf auch Tanaka Tomoyuki, der von 1954 bis 1995 alle Godzilla-Filme produziert hatte.
Lange währte das Ende des Kaijū-Königs allerdings nicht. Die Ende der 90er gestartete Millennium-Reihe zählt mittlerweile auch schon wieder sechs Filme. Darunter auch ein klägliche Versuch von Roland Emmerich und Kitamura Ryuuheis 50 Jahre Jubiläumsspektakel, “Godzilla Final Wars“, – bei dem nochmal alle coolen Monster (inklusive Schwaben-Godzilla GINO “Godzilla In Name Only”) auftraten.
Godzilla wird zurückkehren …
Immer wieder heisst es, dies sei der letzte Film gewesen – und dann stürmt ein neuer die Kinokassen und Liebhaberherzen. Scheinbar haben die Fans ihren Kaijū-König immer noch nicht satt. 2012 soll übrigens wieder ein US-Adaption in die Kinos kommen. Schöner wäre da natürlich einer aus Japan. Nicht zuletzt, weil das Land nach dem REaktorunglück von Fukushima einen Auftritt der altbewährten Atomaustiegs-Ikone gut gebrauchen könnte.
“Godzilla-Ei-Melonen auf Japans Wochenmärkten gesichtet”















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